Facharztforum Saar e.V.
Berufsverband der saarländischen Fachärzte


Einladung / Programm






17. Saarländischer Fachärztetag 2025 - 28.06.2025

Unter dem Titel „Die Zukunft der Fachärzte und der fachärztlichen Versorgung“ kamen rund 100 Teilnehmer ins Saarrondo.

Die Beleuchtung der berufspolitischen Situation begann mit einem Blick des stellvertretenden Vorsitzenden des Facharztforum Saar e.V. Dr. Jochen Frenzel in die kürzliche Vergangenheit des Ärztetages in Leipzig. Ein TOP Thema dort war die Verabschiedung der „neuen GOÄ“. Zunächst war verwunderlich, dass sich im Vorfeld mehr als 30 Fachverbände und wissenschaftliche Gesellschaften äußert kritisch geäußert hatten und auf dem Ärztetag selbst die neue GOÄ mit überwältigender Mehrheit verabschiedet wurde. Viele Fachgesellschaften mahnen daher auch nach der Verabschiedung weitere Veränderungen an. Die Bundesärztekammer und die Privatversicherer signalisierten hierzu auch Gesprächsbereitschaft. Aktuell liegt die neue GOÄ im BMG zur Überprüfung. Wie man hört, könnte das bis Ende 2027 dauern. So bleibt auch noch Zeit für eine konstruktive weitere Bearbeitung.

Dann wandte sich sein berufspolitischer Blick in die Zukunft. „Zweifelsohne liegen hier große bis größte Herausforderungen. Eine Bestandsaufnahme zeigt einen deutliche Ausgabenanstieg im Gesundheitswesen von ca. 300 Mrd € im Jahr 2011 auf 500 Mrd € im Jahr 2024. Die Höhe entspricht in etwa der Höhe des gesamten Bundeshaushaltes für ganz Deutschland. In der Hauptsache fließen die Gelder in den Krankenhausbereich, an zweiter Stelle sind Arzneimittelkosten und erst an dritter Stelle finden sich die Ausgaben für die ambulante Patientenversorgung. Hierfür werden aber auch 550 Mio. Behandlungsfälle in den Praxen geleistet.

Es bedarf also einer dringenden Forstsetzung der Krankenhausreform, ggf. muss die Politik auch an die Arzneimittelversorgung ran. Jedenfalls zeigt die Betrachtung der Zahlen, dass ein allein hausärztlich zentriertes Primärarztsystem zumindest im Kostensektor nicht die Lösung sein kann. Setzt man alle Zahlen korrekt zueinander in Beziehung und setzt gleichzeitig voraus, dass ein hausarztzentriertes System funktioniere, käme man hier auf eine Reduktion von lediglich 5%.

Aber gerade an der Funktionsfähigkeit des hausarztzentrierten Systems darf man zweifeln. Die Betrachtung des bisherigen HZV-Systems zeigt jedenfalls keine Kostenersparnis. Derweil hausärztliche Vertreter von 5 zusätzlichen Patienten pro Tag sprechen, die zu schaffen seien, zeigen seriöse Berechnungen des ZI, Zentralinstitut der KBV, dass es bis zu 2000 zusätzliche Patienten pro Quartal für eine Hausärztin oder Hausarzt werden können. Bedenkt man dann noch die Zahlen der Bertelsmann Stiftung, die besagen, dass in den nächsten 5 Jahren jeder vierte Hausarzt in Rente geht und die verbleibenden Hausärzte ihre Wochenarbeitszeit um 2 Stunden reduzieren wollen, darf man doch Zweifel äußern an dem „wir schaffen das“.

Zweifel an der Sinnhaftigkeit bestehen bei Patienten, die wegen chronischen Erkrankungen ausschließlich bei Fachärzten in Behandlung sind, aber auch bei akuten Fällen, die umgehend eine fachärztliche Behandlung benötigen.
Es besteht kein Zweifel an der Notwendigkeit einer sinnvollen Patientensteuerung. Ansonsten droht in der Tat der Kollaps in unserem Gesundheitssystem. Aus fachärztlicher Sicht ist es jedoch unabdingbar hier auch fachärztliche Expertise mit einzubeziehen, sonst kollabiert das System erst recht.

Nicht zielführend erscheinen hier in Teilen realitätsferne Ideen des GKV-Spitzenverbandes. Das 14-seitige Positionspapier des GKV-Spitzenverbands sieht insbesondere die Einrichtung einer zentralen Plattform der Kassen vor, an welche Ärztinnen und Ärzte ihre Termine melden müssen. Ein zentraler Algorithmus soll dann den Praxen die jeweiligen Patientinnen und Patienten zuweisen, die einen Termin benötigen. Für die Praxen gibt es dann weder die Möglichkeit einer Einschätzung noch einer Entscheidung. Darüber hinaus enthält das Positionspapier die Forderung, wonach Ärztinnen und Ärzte „Behandlungsdiagnosen sowie erbrachte medizinische Leistungen zukünftig täglich, unmittelbar und automatisch an Krankenkassen übermitteln“ müssen.
Was unter dem Deckmantel der besseren Koordination und Digitalisierung vorgelegt wird, bedeutet in Wahrheit eine Entmündigung und eine systematische Schwächung der ambulanten Fachärzteschaft. Fachärztinnen und Fachärzte tragen alleine die Verantwortung für ihre Praxis und ihr Personal und Sie entscheiden auch alleine, wann sie wem welchen Termin geben. Wir lassen uns nicht zu Kassenknechten machen. Eine taggleiche Übermittlung von Behandlungsdaten könnte aus Sicht der Fachärztinnen und Fachärzte durchaus begrüßenswert sein, wenn dies dann auch entsprechend in eine sofortige vollumfängliche Vergütung mündete anstelle einer budgetierten um Monate verspäteten Zahlung.

Es braucht eine Steuerung, aber mit den Fachärzten und nicht ohne. Wir sind hier zu einem Dialog jederzeit bereit, auf Augenhöhe, so wie es von der Gesundheitsministerin auch angekündigt wurde. Die Erwartungen an eine einfache, simple Lösung sind stellenweise unrealistisch. Für eine durchdachte Patientensteuerung brauche es mehrere Leitstellen.“

Im Anschluss moderierte Dr. Kai van Bentum die Kurzvorträge zu den medizinischen Innovationen aus 10 Fachrichtungen. Es zeigte sich, dass neben neuen diagnostischen Möglichkeiten auch operative und medikamentöse Neuerungen in die fachärztliche Behandlung gefunden haben.



Nach der Kaffeepause stellte Prof. Dr. Derouet, Vorstandsvorsitzender der KV Saarland in einem umfangreichen Zahlenwerk den Istzustand und die zukünftige Versorgungssituation dar. Im Koalitionsvertrag ist neben der primärärztlichen Patientensteuerung auch von einer Termingarantie für Facharzttermine durch die 116117 die Rede.
Hauptproblem bleibt derzeit die fehlende Verbindlichkeit auf Patientenseite. Die Kostensteigerung im ambulanten Bereich ist im Vergleich zum Krankenhaus-bereich und den Arzneimittelkosten seit 2020 unterdurchschnittlich angestiegen. Die KBV sieht ausreichend Kapazität bei den Arztpraxen um 3 Mio stationäre Fälle zu ambulantisieren. Am Beispiel der Dermatologie wird klar, dass eine Rückverlagerung der fachärztlichen Versorgung in die Kliniken unmöglich sein wird (Saarland: 26 Praxen mit 45 Ärzten, aber nur 1 Klinik).

Die Entbudgetierung muss auch für die Fachärzte kommen. Zukünftig sollen Telemedizin und KI die Versorgung verbessern. Abschließend stellt er das neue Feature „Akuttermin“ der KV vor, mit dem sich Patienten einen Akuttermin direkt über die Praxishomepage buchen können.





In der Podiumsdiskussion wurden Lösungsmöglichkeiten unter Moderation von Norbert Klein mit Vertretern von Kassen, der Politik und der Fachärzteschaft beleuchtet. Einigkeit ergab sich in der Feststellung, dass ein „weiter so“ nicht mehr möglich ist und es gemeinsamer Anstrengungen bedarf die Versorgungssicherheit zu gewährleisten und andererseits die Attraktivität der ambulanten Facharzttätigkeit zu verbessern.

Dr. Jochen Frenzel